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[Dragon #366] Philipp Athans und Bruce Cordell über die Neugestaltung der Vergessenen Reiche, Teil 2

6. September 2011
Dragon #366

Weiter geht’s mit den Kernidealen der 4E-Version der Vergessenen Reiche:

3.Die Reiche sind ein Ort, an dem dein Charakter zur wichtigsten Person der Welt aufsteigen, aber auch in völliger Anonymität sein Leben aushauchen kann.

Zu diesem Punkt mein Philipp Athans, dass das eigentlich schon immer hätte offensichtlich sein sollen, statt dessen aber – vielleicht im zuge der Zeit der Sorgen – der Eindruck entstanden sei, dass die Reiche eine Welt seien, die nur für eine kleine Gruppe von Superhelden erschaffen worden sei, deren Abenteuer man nun nachlesen könne.

Ist das so? Ich habe diesen Eindruck jedenfalls nie gehabt, was mit daran liegen mag, dass ich nie ein Problem damit hatte, zwischen den Romanen und dem Rollenspiel zu trennen. Wenn das die Rückmeldung war, die sich über die Jahre hinweg herauskristallisierte, kann ich natürlich gut verstehen, das man diese entstandene Verkrustung aufbrechen wollte. Ich gewinne allerdings zunehmend den Eindruck, dass man da mit dem Erfolg der Romane in eine selbstgebaute Falle gelaufen ist. In welchem Fall das Problem bei den Romanen, nicht beim Setting liegen würde. Und mit Verlaub, auch im Jahr 2011 habe ich durchaus den Eindruck, dass das Setting nach wie vor als Vehikel für die hauseigenen Romane verwendet wird, sich also durch die Neugestaltung des Settings gar nichts an dem Problem geändert hat.

Den Eindruck, dass das Setting den Fokus stark auf die Bösewichter legen würde, damit künftige Helden auch etwas zu tun bekommen, hatte ich wiederum auch schon in 3.5. Insofern also keine große Änderung.

4.Die Reiche sind eine voll ausgebaute Welt, voller Geschichte, voll von Legenden.

Da gibt es nicht viel zu sagen. Auch das war schon immer so, und es ist durchaus beruhigend, zu sehen, dass sie das auch nicht ändern wollen. Ein Langschwert +1? Langweilig. Die Platinzunge Garthaks? Will ich haben, obwohl es auch nur ein Langschwert +1 ist.

5.Die Reiche sind eine lebendige, ständiger Veränderung unterworfene Welt, die sich stets weiterbewegt.

Jetzt wird es interessant. Philipp Athans merkt an, dass gerade die Romane, in denen die sogenannten „Realms-Shaking-Events“ beschrieben wurden, den größten Erfolg bei den Lesern hatten, während den Romanen, die in die Vergangenheit zurückblickten, ohne das Setting irgendwie voranzubringen, weniger Erfolg beschieden war. Bruce Cordell fügt an, dass es sehr schwer sei, einen theoretisches „definitives Handbuch zu den Vergessenen Reichen“ zu schreiben, wenn schon von vorneherein klar sei, dass der Inhalt ein Jahr später durch solche Ereignisse schon wieder völlig überholt sei. Beide sind sich aber einig, dass es wichtig sei, dass die Welt wächst und sich verändert.

So weit so gut, aber für mich ist das eine ziemlich treffende Beschreibung der „alten“ Reiche. Bei den „neuen“ Reichen bin ich mir da nicht so ganz sicher. Ich kenne nicht alle Romane, mag mich da also täuschen, aber zumindest habe ich bisher nicht mitbekommen, dass sich das Setting, wie es im 4E Kampagnenbuch beschrieben wird, substantiell weiterentwickelt hat. Nach einem riesigen Zeitsprung scheint dieses als wünschenswert beschriebene Wachstum also zu stagnieren.

Dazu kommt, dass ich hier einen Widerspruch zu früher gesagtem sehe. Gerade diese kontinuierliche Veränderung war es doch, die das Setting frisch hielt, und dafür sorgte, dass den Autoren das Material für neue „Erzählungen“ eigentlich gar nicht ausgehen konnte. Unter diesem Aspekt lässt sich die frühere Aussage, man könne in den „alten“ Reichen keine neuen Geschichten mehr erzählen, nicht weiter aufrechterhalten, denn DIE alten Reiche gabs ja wegen dieser ständigen Veränderung gar nicht.

6.Es ist „Core-D&D Plus“.

Gemeint ist, dass die neuen Reiche natürlich die Elemente der 4E-Grundregelwerke enthalten, diesen aber noch eigene Elemente hinzufügen (die auf diese Weise vielleicht sogar über das Setting hinauswirken). Was natürlich sinnvoll ist. PoL hin oder her, aber auch zu 4E-Zeiten dürften den meisten Spielern bei der Frage nach einer bekannten D&D-Spielwelt in erster Linie die Vergessenen Reiche einfallen. Da wäre es natürlich kontraproduktiv, wenn diese nicht einmal die Grundregeln unterstützten.

7.Es ist zeitgenössische Fantasy.

Einverstanden. Nicht einverstanden bin ich mit Philipp Athans Kommentar, dass das für frühere Versionen der Reiche nicht im selben Maße gegolten habe. Diese sind schließlich deutlich jünger als Tolkiens Herr der Ringe, und der ist neben Star Wars und Harry Potter nach wie vor das Maß aller Dinge, wenn es um zeitgenössische Fantasy geht.

8.Mindestens die Hälfte des Settings ist ganz neu.

Gut, die 50% revidieren sie gleich selber wieder. So oder so aber finde ich diesen Satz deswegen so amüsant, weil mich immer wieder Leute davon zu überzeugen versucht haben, dass sich ja eigentlich zwischen 3E und 4E gar nicht wirklich was an den Reichen geändert hätte. Ich muss zugeben, dass es mich sehr zufrieden stimmt, dass wenigstens die Designer des Settings mit mir einer Meinung sind, was diesen Punkt angeht.

9.Wir machen keinen Retcon, sondern gehen von der Annahme aus, dass alles, was früher beschrieben wurde, nach wie vor Gültigkeit hat.

Absolut meine Lieblingsstelle in diesem Interview. Und hätten sie das nur früher genauso klar geäußert. Ich bin nämlich lange Zeit, gestützt durch Aussagen von WotC selbst, lange davon ausgegangen, dass die Änderungen auch deswegen vorgenommen wurden, weil man das ganze alte Zeug als unnützen Ballast betrachtete. Das konnte ich nie ganz glauben, zumal ja mit wandelnden Settinglexika wie Ed Greenwood, Brian James, Rich Baker und Eric L. Boyd das Know-How ja immer noch vorhanden ist. Jetzt zu lesen, dass gar nicht beabsichtigt ist, die Realmslore einfach zum Fenster hinauszuwerfen, versöhnt mich einigermaßen mit den restlichen Änderungen.

Dennoch bleibt am Ende Verwunderung. Eigentlich alles, was sie für das neue Setting als wünschenswert beschrieben haben, fand sich auch schon in der alten Version der Vergessenen Reiche. Das wirft natürlich die Frage auf, warum man dann trotzdem diese Änderungen vorgenommen hat. An substantiellen Erklärungsversuchen in diesem Interview bleibt eigentlich nur die Behauptung übrig, den Autoren wäre in den alten Reichen der Erzählstoff ausgegangen, und das halte ich (siehe oben) für eine nicht haltbare Aussage.

Bleibt für mich die gute Nachricht, dass neueres Material immer noch von Leuten mit einem Faible für die Vergessenen Reiche geschrieben wird. Und mit der Neuveröffentlichung des Neverwinter Campaign Settings und den kürzlichen Ankündigungen für den Online-Dungeon scheint es ja so, als nehme die Arbeit am Setting tatsächlich neue Fahrt auf.

In den Worten von Erik Scott De Bie (im Candlekeep—Forum): „If Neverwinter continues to be a success, then that will no doubt go some way to pushing WotC to release more Realms stuff. It’s a new design team with a new design philosophy, and that philosophy seems to be much more supportive of the Realms.

I’m hearing about a lot of FR support coming up. Granted, this is Dragon, but we might also see print products. Don’t give up hope!“

6 Kommentare leave one →
  1. 6. September 2011 18:42

    > Die Reiche sind eine lebendige, ständiger Veränderung unterworfene Welt, die sich stets weiterbewegt.

    Die Vergessenen Reiche entwickeln sich aber nicht nur durch die Romane weiter, sondern auch durch die RPGA-Kampagne. So wie ich es verstanden habe, soll diese Kampagne in Zukunft größeren Einfluss bekommen. Zudem gibt es auch verschiedene Möglichkeiten, Romane zu schreiben. Wenn man es richtig macht, lösen die Protagonisten zwar ihr Problem, erschaffen dabei aber zwei neue Abenteueraufhänger. Bei schlechten Romanen lösen die Protagonisten einen Konflikt vollständig.

    > Das wirft natürlich die Frage auf, warum man dann trotzdem diese Änderungen vorgenommen hat.

    Die Vergessenen Reiche wurden bisher zu jeder neuen Regelversion von einer welterschütternden Katastrophe heimgesucht, wobei die Bestandteile, die mit den neuen Regeln nicht mehr möglich waren, entfernt wurden, bzw. die Bestandteile, die erst mit den neuen Regeln möglich waren, hinzugefügt wurden.

    • 7. September 2011 12:27

      Stimmt, die RPGA-Sachen habe ich in dem Zusammenhang ignoriert; mir stellt sich in dem Zusammenhang allerdings die Frage, wie „offiziell“ die Abenteuer sind, sprich ob die darin beschriebenen Ereignisse automatisch in den offiziellen Kanon übergehen.
      Aber inzwischen kommt man ja auch ohne (illegale) Verrenkungen an die Abenteuer ran, insoweit müsste ich mir die Sachen einfach mal zwecks Ansicht runterladen.

      Was die RSEs angeht, muss ich übrigens widersprechen. Der Übergang zwischen AD&D 2 und D&D 3 war ein sehr sanfter (mit kleineren Retcons aber ohne RSE), was zeigt, dass solche Umwälzungen gar nicht nötig sind, um Regelveränderungen zu erklären.

      Des ungeachtet ist mein persönliches Problem mit den neuen Reichen gar nicht die Spellplague an sich (abgesehen mal davon, dass ich die Ausführung ziemlich lieblos fand). Für mich ergibt sich das Problem eher aus dem Zeitsprung. Zum einen wird dadurch eine ganze Menge alten Materials, dass ich bisher benutzt habe, plötzlich obsolet und zum anderen ist in diesen 100 Jahren eine ganze Menge Interessantes passiert, über das ich eigentlich gerne mehr wissen würde. Und wahrscheinlich auch nie erfahren werde *schnief*.

  2. 7. September 2011 07:45

    Printprodukte für die „neuen“ Realms? Who cares????

    • 7. September 2011 12:41

      Nuja, ich werde wohl nie in die Verlegenheit kommen, in den Realms 1479 DR zu spielen (einfach weil ich bezweifle, dass die Zeit in meinen eigenen Runden schnell genug voranschreitet, um dass zu Lebzeiten noch zu schaffen.

      Andererseits gibt es auch in den „neuen“ Realms genug Elemente, die mir an sich gut genug gefallen, um sie für mich selbst nutzbar zu machen (zumal die Autoren ja immer noch die selben sind). Ich lese mich beispielsweise gerade durch das Neverwinter Campaign Setting und auch wenn ich noch nicht allzuweit gekommen bin, kann ich mir durchaus vorstellen, die Zerstörung Niewinters in „meinen“ Realms einfach vorzuverlegen, um sie so für mich bespielbar zu machen. Was ich bisher gesehen habe, gefällt mir nämlich gar nicht mal so schlecht.

      Ähnlich behandele ich auch anderes Material sogar aus ganz anderen Welten/Systemen. Ich hab da relativ wenig Berührungsängste

  3. Windjammer permalink
    17. September 2011 23:00

    Ich sehe die Anspielung auf „zeitgenössische Fantasy“ viel kritischer als Du – allein deshalb, wenn man bedenkt was Cordell & co. darunter damals verstanden. Nämlich Dragonborn und Warforged auf Faerun. Die brachiale Einbindung von (zumeist oberflächlichen) Fremdelementen ohne Sinn und Gedanken, frei nach Jar-Jar Binks.

    Der 4E FR Campaign Guide ist eines meiner Lieblings-D&D-Bücher überhaupt, aber erst nachdem ich draufkam, dass man diese Fremdelemente auch ausblenden kann, und nachdem ich davon Abstand genommen hab, das Setting als Fortsetzung der Realms zu betrachten. Es ist eine interessante „alternate reality“ zu den Realms, keineswegs eine sinn-ergebende Fortsetzung oder Weiterentwicklung.

    • 18. September 2011 08:51

      Das Beispiel in dem Interview waren allerdings die zunehmende Popularität fernöstlicher Kampfstile und Mythen und damit verbunden der Einbau Nathlans als „feudaler Shou-Staat“ im Westen. Und da hab ich zunächst mal wenig daran auszusetzen (ich bin ja selbst ein Fan der asiatischen Mythenwelt), auch wenn mir statt der Umbauten eine Neuauflage des Kara-Tur-Quellenbandes besser gefallen hätte.

      Desungeachtet ging es mir in dem Beitrag auch weniger um die Änderungen an sich als um die Begründungen für diese Änderungen und meine Verwunderung darüber, dass diese Begründungen größtenteils schon für die alten Reiche galten (bzw. mir dafür teilweise sogar besser zu passen scheinen).

      Deinem Schlusssatz stimme ich aber durchaus zu. Ich hab das zum Zeitpunkt der Einführung der 4E-Reiche mal so formuliert, dass mir das neue Setting eigentlich ganz gut gefallen würde, wenn sie nur andere Namen dafür verwendet hätten, das Ganze also quasi als neues Setting präsentiert hätten.

      Mit den Dragonborn hab ich natürlich auch so meine Probleme, habe aber (siehe Punkt 6) ein gewisses Verständnis dafür, dass sie für die einen Platz in den neuen Reichen gefunden haben. Andererseits gefällt mir ja auch nicht alles an den alten Reichen, weswegen ich jetzt den Startzeitpunkt meiner neuen Runde mit dem 3E Kampagnenbuch zusammenfallen ließ und vorhabe, von dort aus meine eigene Kontinuität zu begründen. Alles, was nach dem FRCS geschrieben wurde, ist für mich also nicht mehr als eine weitere Sammlung von Ideen, an denen ich mich bedienen kann (oder auch nicht). Und da gehört dann natürlich auch geschriebenes 4E-Material dazu.

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