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Schummeleien 1 – Rollen- und Brettspiele im Vergleich

10. März 2012

Eigentlich wollte ich aus einem anderen Anlass mich nochmal mit dem leidigen Thema „schummeln“ befassen, bin dabei aber in meinem Dokumenteordner auf einen Teilbeitrag zum Thema gestoßen, den ich dem ganzen voranstellen möchte Ich weiß nicht mehr, wo und wann das war, aber irgendwo in einem anderen Blog stellt jemand in der Kommentarsektion die (ironisch-rhetorische) Frage, warum man denn beim Rollenspielen überhaupt übers Schummeln aka Würfeldrehen diskutiere, wenn man doch beim Brettspiel dafür richtig viel Ärger bekomme?

 

Aus dem damaligen Kontext herausgerissen gibt es dafür eigentlich eine sehr einfache Antwort :

 

Rollenspiele sind nun mal keine Brettspiele.

 

1.In Brettspielen sind im Allgemeinen die Regeln des Spiels die einzige Kommunikationsgrundlage, auf der die Spieler ihre Entscheidungen aufbauen. Es gibt keinen Spielleiter als vermittelnde/regelnde Instanz. Der im Rollenspielbereich so oft bemühte Gruppenvertrag ist in diesem Fall deckungsgleich mit dem Regelwerk des jeweiligen Spiels. Und sonst gibt es nichts. Im Rollenspiel hingegen ist das Regelsystem lediglich ein Teil des Gruppenvertrags und hat alleine von daher eine geringere Priorität, die festzulegen natürlich Aufgabe der Gruppe ist und nicht automatisch den Passus „Würfeldrehen ist nicht erlaubt“ enthalten muss.

 

2.In Brettspielen spielt man (meist) gegeneinander, in Rollenspielen (meist) miteinander. Sprich in Brettspielen ist ein ganz starker kompetitiver Grundgedanke enthalten. Die Regeln sollen nun sicherstellen, dass alle Beteiligten möglichst die gleiche Gewinnchance besitzen, ein Regelbruch ist hier also eine (eigennützige) Vorteilsnahme zulasten der „Gegner“. In Rollenspielen hingegen arbeiten die Spieler zusammen am Erreichen eines gemeinsamen Ziels, und selbst der Spielleiter ist dabei weniger Gegner als Mitspieler. Zwar steuert er u.a die Opposition der Spielercharaktere, verfolgt damit aber typischerweise nicht das Ziel zu gewinnen. Im Gegenteil ist es letztlich sein Ziel, die anderen Spieler gewinnen zu lassen. Andererseits möchten die Spieler natürlich das Gefühl haben, das ihre Charaktere echte Herausforderungen bestehen (müssen), um sich den Erfolg auch zu verdienen. In diesem Sinne wäre ein bewusster Regelbruch also nur dann prinzipiell abzulehnen, wenn er den Erfolg der Spieler verhindert bzw. die Herausforderung aus dem Spiel nimmt.

 

Zwischenfazit (und eigentlich auch schon Beantwortung der Frage): In Brettspielen ist Schummeln aus gutem Grund so negativ konnotiert, da es einerseits die Wettbewerbsfähigkeit der Spieler beeinflusst und andererseits die gemeinsame Kommunikationsgrundlage zerstört. In Rollenspielen herrscht aber in der Regel gar kein Wettbewerb zwischen den Spielern, gleichzeitig sind die Regeln aber nur ein Teil und nicht das Zentrum der Kommunikation. In diesem Umfeld gibt es mehrere Antworten auf die Fragen, ob, wann und auf welche Weise man schummeln darf, und das muss letztlich jede Gruppe für sich selbst entscheiden. Die Diskussion um dieses Thema ist dem Genre also inhärent.

 

Ich ergänze das ganze noch um einen dritten Punkt, der aber sehr persönlicher und damit subjektiver Natur ist.

 

3.In Brettspielen hängt mein Spielspaß sehr stark von den Regeln des Spiels ab. Oder anders gesagt, ich spiele ein bestimmtes Brettspiel generell nur dann, wenn mir seine Regeln gefallen. Es gibt Brettspiele, die ich geradezu hasse, und die ich nur ausnahmsweise mal spielen würde, wenn es keine Alternative gibt, und ich ansonsten als Spielverderber dastehen würde. Da würde ich dann womöglich mal gute Miene zum (bösen) Spiel machen, aber besonders viel Spaß hätte ich sicherlich nicht.

Als Rollenspieler ist es mir nun offen gesagt herzlich egal, ob bzw. welches Regelsystem die Grundlage einer Spielrunde bildet. Ich betreibe Rollenspiel nicht wegen irgendeines Regelwerks, sondern weil es für mich die ideale Form kollaborativen Spiels darstellt. Klar hab ich Präferenzen, was die Regelsysteme angeht, aber als Spieler würde ich eigentlich alles mitmachen, was mich auch nur annähernd interessiert und als Spielleiter setzt eigentlich nur meine Faulheit, mich mit neuen Systemen auseinanderzusetzen, meiner Experimentierfreude Grenzen.

 

Unter diesen Umständen ist wohl leicht erkennbar, warum ich Schummeleien bei Brettspielen prinzipiell als negativ ansehe, während ich bei Rollenspielen eine durchaus differenziertere Einstellung habe.

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6 Kommentare leave one →
  1. vaxr permalink
    11. März 2012 10:29

    Der kooperative Spielmodus ist nicht ausschlaggebend. Ich bin mir recht sicher, dass die meisten, die mit Wuerfeldrehen seitens des SLs kein Problem haetten, das voellig anders sehen werden, wenn ein Spieler schummelt.

    Der tatsaechliche Unterschied zwischen Brettspiel und RPG ist IMHO die Haerte bzw. Weiche der Regeln. Da ein RPG-Regelwerk nicht auf alle Situationen vorbereitet sein kann, muessen die Regeln je nach Situation ggf. on the fly angepasst werden. Das hat aber nicht direkt etwas mit Schummeln zu tun. Sobald regeln aufgestellt sind, sollten sie gelten, sonst sind sie ihr Papier nicht wert. Man mag sie andern oder auch mal ignorieren, aber nicht heimlich.

    • 11. März 2012 21:59

      Der Unterschied zwischen SL und Spielern hat aber meines Erachtens mehr mit den unterschiedlich verteilten Rechten zu tun, als damit, dass die Spieler sich (oder den SL) untereinander als Gegner betrachten würden. Das hätte ich sicherlich auch noch in meiner Aufzählung unterbringen können, aber mir ging es ja mehr darum, zu begründen, warum das Thema „Schummeln“ im Rollenspiel überhaupt erst zu einem Thema werden kann. Insoweit denke ich schon, dass es eine Rolle spielt (Pun intended), dass beim Rollenspiel der Wettbewerbsgedanke nicht so stark ausgeprägt/gar nicht vorhanden ist.

      Ich hab jetzt Schummeln übrigens ganz allgemein und völlig undifferenziert im Sinn einer Regelbeugung jedweder Art benutzt. Für eine weiterführende Diskussion müsste ich den Begriff natürlich erst genauer definieren. Dann würden wir möglicherweise feststellen, dass wir da recht nah beieinander liegen.

  2. 12. März 2012 11:32

    Regeln sind also brechbar, weil es mehr Dinge neben ihnen gibt, die die Grundlage des Spiels bilden? Das heißt, weiter gesponnen, dass eine einzelne Regeln in einem Brettspiel leichter brechbar ist, wenn das Spiel viele Regeln hat, denn die einzelne Regel macht nicht so viel aus. Das halte ich für eine „optische Täuschung“ und für eine rein auf Bauchgefühl basierte subjektive Annahme, die auf absolut null Fakten fußt. Mir ist jede einzelne Regel immer gleich wichtig. Egal ob einfaches oder komplexes Brettspiel, egal ob einfaches oder komplexes Rollenspiel mit hohem oder niedrigen Atmosphärenanteil oder mit oder ohne Railroading.

    Spielleiter, die Würfel drehen, verfolgen damit das ziel eine von ihnen vorgegebene Geschichte umzusetzen. Dies kann unterschiedlich eng gefasst sein, aber grundsätzlich zu eng für das Regelgerüst. Es gibt aber keine Form der Abstimmung darüber, ob diese Geschichte auch den Spielern gefällt (und ich tendiere eher zu „Nein“, wenn es nötig ist Würfel zu drehen). Meiner Erfahrung nach, war es bisher immer so, dass das Abenteuer zumindest teilweise den Spielern nicht so richtig gefiel, wenn Würfel gedreht wurden. Das ist zwar nicht repräsentativ, aber spricht für eine andere These: Beim Würfeldrehen will der SL _seine_ Story durchsetzen und das gegen die Spieler. Also auch nichts anderes als beim Brettspiel, wo es um ein Gegeneinander geht (was auch lange nicht immer stimmt, sondern nur für Dich. Gibt auch Leute die spielen Brettspiele wegen des zusammen Spielens).

    Die dritte These kann ich so voll akzeptieren, denn Deinen Geschmack will ich Dir nicht streitig machen 🙂 Aber das führt mich zu eigentlichen Punkt meines Kommentars:

    Warum, in aller Welt, spielen Würfeldreher immer wieder rules heavy-Systeme wie DSA? Du selbst schreibst, dass es Dir eigentlich scheißegal ist, welche Regeln Du spielst. Dann such Dir doch Regeln, die zu Deinem Spielstil passen. Spiel FATE. Oder was anderes, es gibt 1001 Systeme, die erzählorientiertes Spiel unterstützen und damit Euer Spiel ganz bestimmt bereichern werden. Und Ihr werdet bestimmt keine Würfel mehr drehen oder Regeln brechen wollen, wenn Ihr Euch darauf einlasst. Aber es wird nicht einmal probiert. Der einzige, den ich kenne, der es gemacht hat, ist Roger von den Teilzeithelden mit ein paar anderen. Er hat sich überzeugen lassen und es hat ihm zumindest Spaß gemacht, auch wenn es eine Umgewöhnung erfordert. Aber sonst versucht es nicht einmal einer. Wenn er dann sagen würde „Hey, hat nicht funktioniert ,weil a, b und c.“ dann kann man darüber diskutieren oder es auch akzeptieren. Aber diese krampfhaften Versuche regellastige Systeme zu vergewaltigen nerven mich. Warum tut man das? Weil man umbedingt Teil der großen Horde an Spielern des Systems sein will? Oder doch nur Faulheit? Der Glaube, das Kiesow doch Recht hatte? Ich kapier es nicht und würde es gerne verstehen.

    • 13. März 2012 00:20

      >>Regeln sind also brechbar, weil es mehr Dinge neben ihnen gibt, die die Grundlage des Spiels bilden?

      Hab ich gar nicht behauptet. Mein Post sollte kein Plädoyer fürs Schummeln darstellen, sondern den Versuch einer Antwort darauf liefern, warum das Thema im Bereich der Rollenspiele überhaupt diskutiert wird. Tatsächlich wird sich mein nächster Post zu dem Thema damit beschäftigen, warum ich es für eine Illusion halte, das erzählorientiertes Spiel mit D&D-Regeln Würfeldrehen geradezu notwendig mache.

      >>Spielleiter, die Würfel drehen, verfolgen damit das Ziel eine von ihnen vorgegebene Geschichte umzusetzen.

      Das ist sicher ein möglicher, wenn auch wenig wahrscheinlicher Grund, aber ganz bestimmt nicht der einzig mögliche. Beachte bitte auch, das ich den Begriff „Schummeln“ gar nicht auf Würfeldrehereien eingeschränkt verwendet habe. Oder auf Aktionen des SL.

      >>Ich kapier es nicht und würde es gerne verstehen.

      Ich kann ja jetzt nur für mich sprechen (und ich drehe keine Würfel ^^), aber Faulheit ist sicher ein Grund. D&D/PF spiel ich nun schon so lange, in dem System kenne ich mich einfach aus. Und da es für mich wunderbar funktioniert, hab ich keinen Bedarf daran, was neues auszuprobieren (als Spielleiter wohlgemerkt, als Spieler bin ich zu fast jeder Schandtat bereit).
      Auch ist es eine Frage der Settings. Ich bin nun mal ein großer Fan von Greyhawk, den Realms usw., da ist es das einfachste, die Regeln zu nutzen, für die diese Settings geschrieben wurden. Da hat dann FATE (um beim Beispiel zu bleiben), nichts vorzuweisen, was für mich genauso interessant wäre.

      Gäbe noch andere Gründe, aber das sind wohl die beiden wichtigsten.

      • 13. März 2012 14:26

        Schau Dir mal Malmsturm an, das könnte gut sein (kenne nur den kleinen Settingteil im Regelbuch).

        Regeln nicht kennen finde ich gar nicht so schlimm. So haben wir alle angefangen. Man sollte dann halt mit der Zeit die Regeln zumindest größtenteils lernen (PF/D&D3 kann kein Mensch komplett im Kopf haben). Oder man sagt an, dass man eine Regel nicht mehr nutzt oder verändert. Das haben wir schon mitten im Spiel gemacht, wenn eine Regel nicht funktioniert. Das wurde dann auch offen angesprochen (mit Infos was nicht funktioniert). Was mich aufregt sind diese situationsabhängigen und/oder heimlichen Schummeleien. Das ist wirklich Mist.

        Irgendwie kriegt man Leute, die Würfel drehen nie dazu die Hintergründe zu erläutern. Die winden sich immer raus oder ignorieren einen. Oder es kommt so etwas wie „Weil die Geschichte wichtiger ist.“ „Warum spielt Ihr dann keine Regelsystem, dass die Geschichte in den Fokus setzt?“ -> Rauswinden & ignorieren.

  3. 14. März 2012 08:24

    Stimmt, Malmsturm hab ich vergessen, das sieht, soweit ich das beurteilen kann, ganz nett aus.

    Was die Motive von Würfeldrehern angeht, kann ich nicht in ihre Köpfe reinschauen. Die Gründe, die mir bisher genannt wurden, hatten allerdings eher selten was mit „ich will irgendwelche Ziele gegen den Willen der Spieler gegen sie durchsetzen“ zu tun. Dass muss ich jetzt aber auch nicht für sie ausfechten, zumal ich ja selbst der Auffassung bin, dass man die Probleme, die man damit zu lösen versucht, auch auf andere Weise (ohne das System zu wechseln) lösen kann.

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