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Schummeleien 2 – Braucht man das eigentlich?

24. Juli 2012

Ist schon etwas her, dass ich meinen letzten Post zu dem Thema geschrieben habe, aber nachdem ich gestern aus Versehen noch mal drauf gestoßen bin bin, nutze ich die Gelegenheit, mich dem Thema noch mal zu widmen.

 

Im Vorwort einer alten Ausgabe des Dungeon Magazine schrieb Jeremy Walker nämlich (allerdings im Kontext des Themas Regelfuchserei): In the grip of righteous fury, it’s easy to overlook the fact that the game is bigger than the rules.

 

Das war dort als Ermahnung an Rules Lawyer gemeint, nicht durch festes Beharren auf genauer Regelauslegung/-einhaltung den Mitspielern auf den Keks zu gehen, man könnte es aber auch denjenigen entgegnen, denen bei der Erwähnung des Begriffs Schummeln gleich der Blutdruck auf ungesunde Werte steigt. Und genau darum ging es ja auch in meinem letzten Beitrag, nämlich dass – im Gegensatz zu vielen Brettspielen – die Regeln nur einen (und in meinen Augen nicht mal einen wichtigen) Teil des Spieles darstellen.

 

Aber möglicherweise ist das auch der Kern des ganzen Zwistes. Wer diese Einstellung zu den Regeln eines Rollenspiels nicht teilt, wird auch das Thema Schummeln mit ganz anderen Augen sehen. Speziell wenn dann noch, wie aus Teilen der ARS-Ecke bekannt, der Wettbewerbsgedanke dazu kommt.

 

Aber egal, so locker ich das Thema Schummeln auch sehe, verzichte ich doch interessanterweise selber komplett darauf, als Spieler oder speziell als Spielleiter zu schummeln. Nicht weil ich es für ein Verbrechen halte oder weil meine Spieler damit ein Problem hätten, sondern aus dem einfachen Grund, dass ich es gar nicht benötige. Womit wir endlich beim Thema dieses Blogeintrages wären.

 

Der eine Grund, warum ich darauf verzichten kann, ist der, dass ich nach vielen Jahren der Beschäftigung mit „meinem“ System“ (also D&D 3/3.5/PF) eine gewisse Regelmeisterschaft entwickelt habe. Das minimiert nicht nur etwaige unfreiwillige Schummeleien (auch Regelfehler genannt), sondern ist mir auch sehr hilfreich, wenn es darum geht, mich an exotischere Regeln zu erinnern, die ich nutzbringend einsetzen kann, um ein bestimmtes Element des Spiels regelgerecht umzusetzen. Oder anders gesagt: Bei fast allen Gelegenheiten, wo ich vielleicht zu schummeln in Versuchung kommen könnte bzw. früher gekommen wäre, hätten mir die Regeln im Prinzip Werkzeuge bereit gestellt, das Problem auch ohne Schummeln zu lösen.

 

Sehr hilfreich ist an dieser Stelle auch die eigentlich selbstverständliche Erkenntnis, dass man nicht immer würfeln lassen muss, wenn man den Erfolg oder Misserfolg einer Aktion sicherstellen möchte. Ich muss nicht bei jedem Sprung eines Charakters einen Wurf auf Springen verlangen, was speziell dann gilt, wenn der Fokus des Spiels eigentlich auf irgendetwas anderem liegt und der Erfolg niemandem einen Vorteil bringt, bzw. der Misserfolg dem Spielspass dieses Spielers Abbruch täte. Setzt natürlich etwas Fingerspitzengefühl voraus (und wenn der Spieler trotz Misserfolgsrisikos würfeln möchte, lässt man ihn natürlich), aber zu würfeln, um dann das Ergebnis zu drehen, weil es einem nicht gefällt, ist in meinen Augen einfach unnötige Energieverschwendung.

 

Der zweite Grund ist, dass es nicht „meine“ Geschichte ist, die im Spielverlauf erzählt wird, sondern „unsere“ Geschichte, also die Geschichte, die im Zusammenspiel von Spielleiter, Spielern UND Würfeln gemeinsam entwickelt wird. Richtig, die Würfel haben daran auch ihren Anteil, legen sie doch zufällig den Ausgang bestimmter Aktionen fest und beeinflussen damit die entstehende Geschichte. Was ich als Bereicherung empfinde, weil es alle Beteiligten immer wieder vor neue Situationen stellt, und dadurch einen Improvisationszwang herstellt, der das Spiel davon abhält langweilig zu werden. Ich erzähle gerne Geschichten (auch im Rahmen des Rollenspiels), allerdings ist es mir relativ egal, welche Geschichte ich erzähle, insoweit ist mir jedes Input von außen recht, dass die Geschichte in für mich nicht vorhergesehene Bahnen lenkt. Ob dieses Input nun von den Spielern oder den Würfeln kommt, ist mir dabei gleichgültig. Die Würfel zu drehen, um die Geschichte in meinem Sinn zu beeinflussen wäre also völlig kontraproduktiv.

 

Und drittens, und das füge ich jetzt nur der Vollständigkeit halber an, nicht weil ich wirklich so leite: Wenn ich den Spielern das Leben zur Hölle machen will, kann ich das völlig legal innerhalb jedes Regelwerkes tun. Und zwar viel effizienter als mit Schummeleien, die von den Spielern ja erst mal bemerkt werden müssen, bevor sie sich drüber ärgern können.

 

 

Für mich persönlich hab ich also gar keinen Grund, zu Schummeleien zu greifen. Ich kenne (inzwischen) die Regeln, ich habe keinen Drang, meine Version der Geschichte durchzusetzen und betrachte es sogar als bereichernd, wenn die Geschichte Wendungen nimmt, die ich nicht vorhergesehen habe. Ich sehe es aber nach wie vor ziemlich locker, wenn andere Spieler das anders handhaben, sofern das nicht aus besagtem dritten Grund geschieht. Aber da habe ich ehrlich gesagt mehr Probleme mit Regelfanatikern als mit Schummlern. Zumindest kenne ich mehr Leute, die die Regeln missbrauchen, um sie gegen die Spieler einzusetzen, als ich Schummler kenne, die gegen die Spieler schummeln. Vielleicht einfach eine Frage der Perspektive.

 

Aber wie dem auch sei: einen echten Grund zu schummeln, sehe ich nicht. Also kann ich es auch einfach lassen.

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6 Kommentare leave one →
  1. 24. Juli 2012 13:17

    Na, wenn man das so sieht wie Du gibt es wirklich keinen Grund. Das Problem ist ja, dass es immernoch SL gibt, die ihre Geschichte durchdrücken wollen. Und selbst, wenn einem Regeln egal sind, kann man immer noch ein dazu passendes System spielen anstelle die Regeln kaputt zu machen.

    Dein erster Grund hat aber wenig mit der üblichen Schummelei zu tun. Mal eine Regel falsch im Gedächtnis zu haben (gerade bei D&D3/PF ist es schwer all diese Regeln zu kennen), ein Ruling zu machen, weil die Regeln nicht kennt usw ist ja kein Problem. Rulings sollte man halt offen machen und das war’s dann auch schon. Genauso wenig sind ja Hausregeln problematisch, denn die kennen die Spieler. Ich hab auch schon Hausregeln mitten in der Sitzung aufgestellt, weil mir ein Problem mit den Regeln auffiel. Sehe ich nicht als schummeln an, weil die Spieler es erfahren und auch ihre Meinung dazu abgeben können.

    Ich tendiere übrigens zu oft dazu ein Rules Lawyer zu sein. Aber ich versuche da an mir zu arbeiten, denn ich finde Regeldiskussionen am Tisch mittlerweile extrem nervig. In meiner alten Gruppe, wo Hack & Slay und „Rollenschach“ an der Tagesordnung war, war das okay. Denn da waren die Regeln der Spielinhalt. Es ging darum mit geschickter Taktik auch die schwersten Herausforderungen zu meistern. Aber wenn das nicht der Fokus ist, sollte man es einfach lassen. Regeldiskussionen sollten das Spiel nicht behindern.

    • 25. Juli 2012 09:05

      Ich muss halt ehrlich zugeben, dass ich Spielleiter, die mit Gewalt ihre Geschichte durchdrücken wollen, bisher nur vom Hörensagen kenne. Was ich sehr gut kenne, sind antagonistische Spieler, die prinzipiell in andere Richtungen rennen, als vom Spielleiter vorgeschlagen. Aber das ist ein anderes Thema.

      Was ich allerdings schon erlebt habe, sind Spielleiter, die aufgrund mangelnder Regelkenntnis die Spieler schlimm in die Bredouille gebracht haben, oder deren erzählerischer Plan daran scheiterte, dass sie eine Regelfeinheit übersehen hatten. Und da bei uns grundsätzlich die Regel galt und gilt, dass das Spiel nicht für Ooc-Diskussionen unterbrochen werden soll, war in solchen Fällen halt die Versuchung groß, das Problem durch Schummeln zu lösen. Was ich persönlich nach wie vor für die elegantere Lösung halte, weil halt ein offenes Ansprechen des Problems aufgrund der damit verbundenen Spielunterbrechung von niemandem gewollt wurde.

      Aber das setzt natürlich das Vertrauen voraus, dass der Spielleiter diese Macht nicht missbraucht. Bei uns war das immer vorhanden, wurde auch bisher nie enttäuscht und als Spieler hab ich da auch nie das Gefühl gehabt, deswegen die Kontrolle über meinen Anteil am Spiel zu verlieren. Wobei „Kontrolle“ eh keine Kategorie ist, in der ich beim Rollenspiel denke, ich hab ja nicht mal ein Problem damit, wenn andere Spieler, meinen Charakter in ihre Erzählung miteinbauen. ^^

      Gegen Rules Lawyer hab ich übrigens nicht prinzipiell etwas, solange sie ihre Regelexpertise nicht unfair gegen Spielleiter oder Spieler einsetzen oder eben alle Nase lang noch die unwichtigste Situation kommentieren. Aber letzten Endes hilft es ja auch mir als SL, wenn ich einen solchen Spieler als Ressource für Regelwissen anzapfen kann.

      • 25. Juli 2012 19:48

        Hm, solche Spieler kenne ich nur am Rande. Es ist vielleicht eine Frage der Ernsthaftigkeit, mit der man an die Runde heran geht. Meine Jungspieler, von denen einer anfangs auch solche Tendenzen hatte machen das mittlerweile sehr gut und habe letzte Runde eine sehr kniffelige Situation gelöst, die Bösen herausgepickt, bekämpft und die Guten unverletzt gelassen. Volle Konzentration, ich war wirklich überrascht.

        Wenn man wirklich so streng ist, dass jede OOC-Rede verboten ist, dann wird es schwer. Aber kann die Hausregel hinterher immer noch bekanntgeben und bleibt damit soweit transparent. Aber ich finde Regel doch ganz schön krass.

  2. 24. Juli 2012 16:52

    Im Prinzip hast Du die Schummeldiskussion auf den Punkt gebracht: Du brauchst es nicht, es ist schlicht unnötig. Damit kann ich mich anfreunden.

  3. 25. Juli 2012 22:25

    @Jan: Naja, richtig verboten war es nicht. Es war mehr eine stillschweigende Übereinkunft, weil wir zum einen eine sehr große Gruppe waren (bis zu 12 Spieler), uns zum anderen aber oft die Zeit für mehr als 2-3 Stunden Spiel fehlte, und das wollten wir dann natürlich auch mit Spielen verbringen, nicht mit Diskussionen.

    Aber wie dem auch sei, letzten Endes können wir es ja einfach bei Ingos Zusammenfassung bewenden lassen . ^^

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