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Wie realistisch hätten’s denn gern?

12. September 2012
GM

Ich liebe realistische Spielwelten. Und ja das hab ich mit Absicht gesagt, für all diejenigen, denen bei der Erwähnung des Wortes Realismus schon gleich der Blutdruck steigt. Tatsächlich meine ich natürlich „glaubwürdig“, wenn ich „realistisch“ sage, und bin mir des Unterschiedes zwischen diesen beiden Worten wohl bewusst. Und trotzdem geht mir die manchmal betriebene Wortklauberei bezüglich dieser beiden Begriffe unglaublich auf den Keks. Ich denke nämlich, dass die meisten, die den Begriff Realismus verwenden, damit natürlich eigentlich die Glaubwürdgkeit einer Spielwelt meinen, und unterstelle jenen, die sich daran dann aufhängen, dass sie das auch eigentlich ganz genau wissen. Mit dem Totschlagargument „Realismus in einer Fantasywelt gibt’s ja gar nicht“ gehen sie aber scheinbar elegant der eigentlich mit den beiden Begriffen verbundenen Diskussion aus dem Weg, wie glaubwürdig denn so eine Welt eigentlich sein soll und wieviel Realismus denn dann doch dazugehört.

 

Ich behaupte nämlich, dass eine glaubwürdige Spielwert nur theoretisch ohne eine heilsame Dosis Realismus auskommen kann. Diese Dosis ermöglicht es den Spielern nämlich erst, eine Beziehung zu dieser Spielwelt herzustellen, sie zu imaginieren und auf diese Weise die notwendige sogenannte Suspension of Disbelief aufzubauen, dank derer man mit den fantastischen Elementen der Spielwelt zurechtkommt. Fantastischer Realismus, so nennt das DSA, und wenn man genau darüber nachdenkt, könnte man den Begriff selbst auf die hochmagischen Welten von D&D oder Pathfinder anwenden, die Realms, Eberron, Golarion und wie sie sonst noch alle heißen mögen. Diese beruhen nämlich alle auf der selben Prämisse, nämlich dass dort, wo nichts anderes angegeben ist, die Naturgesetze der realen Welt gelten. Das Wasser fließt abwärts, Apfel fallen vom Baum nach unten undsoweiterundsofort. Bis zu einer gewissen Grenze sind diese Welten also sehr wohl realistisch, nämlich „der Wirklichkeit entsprechend“.

 

Allerdings, und da liegt nun der Hase im Pfeffer, hat nicht jeder Spieler denselben Realitätsanspruch an die von ihm bespielte Welt. Ich tu mir zwar schwer mit dem Gedanken, dass Rollenspiel völlig ohne simulationistische Aspekte Spaß machen kann, aber sollte jemand darauf wirklich absolut keinen Wert legen, wird’s ihn auch kaum interessieren, wieviel Realismus der Spielwelt inhärent ist, vielleicht wird er ihn sogar komplett ablehnen. Andere Spieler haben aber ein Problem damit, wenn Gebäude, die angeblich vor 10000 Jahren errichtet wurden und offenbar nicht magisch geschützt sind, keinerlei Verfallsspuren aufweisen oder wenn in einem Kaufabenteuer der vorgeschlagene zeitliche Ablauf praktisch gar nicht umsetzbar ist, weil er die Regeln der Spielwelt (inklusive ihrer realistischen Aspekte) verletzen würde.

 

So gesehen ist die Aussage: „Das ist aber unrealistisch“ kein Hinweis auf eine falsche Herangehensweise des Spielers, sondern nur ein Hinweis darauf, dass sein Realitätempfinden mit dem des Spielleiters, Abenteuerautor oder Weltenerschaffers kollidiert und der Spieler hier die Glaubwürdigkeit der Welt verletzt sieht.

 

Das kann daran liegen, dass der Spieler aufgrund einer Wissenslücke oder eines logischen Fehlschlusses ein Element des Spiels aus falschem Blickwinkel betrachtet. Das kann aber auch daran liegen, dass Spielleiter, Abenteuerautor oder Weltenerschaffer die Wissenslücke oder der logische Fehler widerfahren ist. Und in beiden Fällen ist es sehr hilfreich, wenn man den Mitspielern zuliebe nicht lange rumdiskutiert, sondern das auf einen Zeitpunkt nach dem Spiel (oder, falls rechtzeitig bekannt, davor) verlegt.

 

Zwei Hinweise zum Schluss: Die Frage nach dem Realismusgrad von Spielregeln ist nochmal ein ganz anderes Thema, das ich hier komplett ausgeklammert habe. Hier gings um die Notwendigkeit realistischer Elemente für eine Spielwelt, nicht mehr und nicht weniger.

 

Und zweitens darf das keine Entschuldigung dafür sein, einfach alles als unrealistisch zu bezeichnen, was einem nicht in den Kram passt. Dann wird’s nämlich zum völlig bescheuerten Totschlagargument gegen die Mitspieler und damit bringt man dann die anderen zu Recht auf die Palme.

 

Statt dessen kann man sich ja vor Beginn einer Spielrunden kurz auch mal darüber unterhalten: Wie realistisch hätten wir es denn gerne?

8 Kommentare leave one →
  1. 12. September 2012 20:29

    Hey Wormy,

    interessanter Beitrag. Aber eines zu Deinem ersten Absatz: Unterschätze nicht die Zahl derer, die mit realistisch auch realistisch im wirklich-weltlich-physikalischen Sinne meinen und bei Debatten um Regeln und Spielwelt auf nahezu groteske Weise die Besonderheiten
    des Mediums Rollenspiel ausklammern. Ich habe mal auf der Feencon eine Spielleiterin getroffen, die mir mit allem Ernst erklärt hat, in ihrer Fantasywelt würden die Charaktere nicht auf Drachen treffen können. Weil ein Kampf zwischen Menschen und Drachen wäre ja total unrealistisch – „der Drache würde sich ja einfach auf die Charaktere drauf setzen können und dann wären die ohne wenn und aber tot“, argumentierte sie.
    Wir haben also aus „Realismusgründen“ Dungeons & Dragons ohne Dragons gespielt…

    VG Joni

    • 12. September 2012 23:16

      Das klingt natürlich ziemlich bescheuert, obwohl ich (ohne weitere Kenntnis des Vorgangs) fast geneigt wäre, das Argument in die Kategorie „ich will das nicht, also ist es unrealistisch“ einzuordnen, die ich im vorletzten Absatz angesprochen habe. Elefanten gabs in der Fantasywelt dann wahrscheinlich auch nicht, denn für die gilt ja das gleiche.

      LG,
      WQ

      • 13. September 2012 06:53

        Das ist ja auch nur ein extremes Einzelbeispiel, das mir halt passend zum Thema eingefallen ist. Dass Realismus manchmal als „ich will recht haben, also ist das so“ einzuordnen ist, mag sein. Aber allein das Nutzen des Arguments für welches Ziel auch immer zeigt ja schon ein generelles Unverständnis des Mediums und eine Schieflage der Herangehensweise.
        Es ist auch typisch deutsch, den Film Ritter aus Leidenschaft schlecht zu finden, weil „die darin we will rock you“ klatschen und es „das Lied im Mittelalter noch nicht gab“.

    • 13. September 2012 08:47

      Das ist eigentlich gar kein blöder Ansatz – jetzt müsste man nur noch ein Sit-on-your-face-Manöver für grosse Kreaturen bei D&D/Pathfinder einführen…🙂

      • 22. September 2012 06:38

        IN DA FACE! Da hätte die Kampfmanöververteidigung (TM) dann mal endlich einen richtigen Nutzen😉

  2. 16. September 2012 16:48

    @ghoul. jo das hatte ich auch kurz überlegt xD

    @Joni: Das gilt aber für alle Argumente, die zum „Ich wil aber recht haben“ herangezogen werden können. Also auch umgekehrt, wenn jemand beispielsweise darüber nachdenkt, mit D&D ein low-magic Setting darzustellen, wozu entsprechende Regelmodifikationen notwendig sind. Da wirst du immer Leute finden, die sich darüber lustig machen, speziell wenn einer der Gründe für diese Umbauten der ist, dass man die hohen Stufen von D&D als „zu unrealistisch“ empfindet. Da stell ich mir dann schon die frage, wer da eigentlich ein „generelles Unverständnis des Mediums“ an den Tag legt.

    • 22. September 2012 06:45

      Das ist ja rein eine Frage der Herangehensweise, quasi hochphilosophisch!
      Ein „Es muss in D&D Drachen und Dungeons geben, auch in ner Low-Fantasyinterpretation, weil das Spiel eben so heiß“, fände ich andersrum auch albern/verbohrt. Wir z.B. spielen ja auch D20 Conan, da wäre die „guck mal, ein Drache“ – „oha, welche Farbe, grün, silber, pink…?“-Nummer auch nicht soooo passend😉.

      • 22. September 2012 08:19

        Sehe ich ähnlich: Lustigerweise wäre meine Antwort auf die Frage, was ich an „Dungeons & Dragons am uninteressantesten“ fände, wahrscheinlich: „Na, die Dungeons und die Dragons.“ Wobei das natürlich eine Übertreibung ist, aber warum es z.B. unbedingt junge Drachen für niederstufige Helden geben muss, ist mir nie klar geworden, das nimmt meines Erachtens diesen Wesen komplett ihren Reiz. In soweit wird es das bei mir auch eher selten geben. (Und in einen Dungeon einzusteigen, nur weil er da ist, käme mir auch eher selten in den Sinn. Da brauch ich schon eine storyinherente Motivation dafür).

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